Frau mittleren Alters lehnt am Baum und schaut in die Kamera (Quelle: imago/)
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Interview l Wechseljahre der Frau - Wenn psychische Symptome den Alltag beschweren

Hitzewallung ist das Kennzeichen, das am häufigsten mit den Wechseljahren der Frau in Verbindung gebracht wird. Dass auch psychische Symptome wie Depressivität, Konzentrationsstörungen und Schlafstörungen durch die Hormonumstellung entstehen können, wissen die wenigsten. Wie das zusammenhängt und welche Hilfestellungen es gibt, erklärt Psychiaterin Prof. Dr. Stephanie Krüger.

Die Wechseljahre der Frau – die meist um die Fünfzig auftreten – werden durch den sich neigenden Vorrat an Follikeln in den Eierstöcken ausgelöst. Die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron nimmt ab. Die Regel bleibt aus. Und es tauchen verschiedene körperliche und seelische Veränderungen auf.
 
Um Frauen, die in dieser Lebensphase vor allem unter seelischen Symptomen leiden zu unterstützen, bietet das Zentrum für Seelische Frauengesundheit an den Standorten Vivantes Humboldt Klinikum und Klinikum Spandau eine interdisziplinäre Menopausen-Sprechstunde an. Die erste Sprechstunde dieser Art an einem Berliner Krankenhaus wird geleitet von Prof. Dr. Stephanie Krüger Leiterin des Departments für seelische Gesundheit am Vivantes Klinikum Spandau.

Frau Prof. Dr. Krüger, welche psychischen Symptome entstehen durch die Menopause? 

Die Menopause kann, muss aber nicht mit psychischen Symptomen einhergehen. Etwa 20 Prozent aller Frauen entwickeln Depressivität, Schlafstörungen, massive Erschöpfung, Unruhe, Panikattacken oder Konzentrationsstörungen. Wenn eine Frau in die Sprechstunde kommt, führen wir zunächst eine fundierte psychiatrische Anamnese und Diagnostik durch. So klärt sich, ob die Beschwerden direkt durch die hormonellen Veränderungen bedingt sind. Oder ob es vielleicht schon einmal eine Depressivität gab, zum Beispiel in der Schwangerschaft, im Wochenbett, prämenstruell oder auch unabhängig davon. Wir schauen also, ob es eine gewisse Sensibilität für seelische Erkrankungen gibt, ob diese schon einmal in hormonellen Zusammenhängen aufgetreten sind – oder die Beschwerden etwas ganz Neues sind.

Wie lässt sich erklären, dass Hormonveränderungen die Psyche beeinflusst?

In den Eierstöcken werden zwei wichtige weibliche Geschlechtshormone gebildet: Östrogen und Progesteron. Vor allem Progesteron ist für die seelische Befindlichkeit wichtig. Progesteron gelangt nämlich über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn und wird dort umgebaut zu einem wichtigen Hilfsfaktor für verschiedenste Botenstoffe. Der Spiegel an Progesteron beeinflusst so direkt unsere seelische Stimmung, den Schlaf, die Sexualität, den Schmerz, Ängste und Unruhe. Am Anfang der Wechseljahre sinkt der Spiegel an Progesteron meist als erstes, die Östrogenwerte sind zu diesem Zeitpunkt oft noch ganz normal. Fällt dieser Abfall mit einer – wahrscheinlich genetisch bedingten – seelischen Sensibilität zusammen, können psychische Symptome entstehen.

Erklärt letzteres auch, warum einige Frauen psychisch leiden, andere gar nicht?

Richtig, es gibt ja viele Frauen, die keine oder leichte körperliche Beschwerden in dieser Lebensphase haben. Sie merken den Progesteronabfall mitunter gar nicht. Immerhin mindestens jede fünfte Frau hat aber so erhebliche Symptome, dass diese behandelt werden müssen.

Gibt es über die Wechseljahre einen Verlauf der psychischen Beschwerden?

Der Hormonabfall verläuft immer in Schüben, bis nach Jahren beide Hormone auf einem niedrigen Wert stagnieren. Entsprechend nimmt auch die Frau die Beschwerden wahr: Mal spürt sie über mehrere Monate vielleicht einen deutlichen Abfall. Dann hat sie wieder ein halbes Jahr Ruhe. Das ist immer eine sehr individuelle Sache und wird von äußeren Faktoren mit beeinflusst.

Sie helfen in der Sprechstunde auch Frauen, die zu früh in die Menopause kommen?

Ja, da gibt es auch eine große Nachfrage und die unterschiedlichsten Gründe. Für die betroffenen Frauen ist das oft sehr belastend. Wenn zum Beispiel die Eierstöcke schon mit Mitte/Ende 20 ihre Funktion einstellen, kann das die Familienplanung gefährden. Oder eine Frau erkrankt an Eierstockkrebs oder Gebärmutterhalskrebs, so dass eventuell diese Organe operativ entfernt werden müssen. Diese Frauen müssen den Prozess der Menopause, der normalerweise Jahre dauert, in wenigen Monaten bewältigen. Häufig haben wir auch Patientinnen mit Brustkrebs, die antihormonell behandelt werden. Auch sie kämpfen oft mit verschiedenen typischen Beschwerden der Wechseljahre.

Mit welchen Wünschen kommen die Frauen in Ihre Sprechstunde?

Ich habe die Menopausen-Sprechstunde im Jahr 2012 aufgebaut – nachdem ich das Modell in Kanada kennengelernt hatte, wo ich sieben Jahre gelebt und gearbeitet habe. Damals kamen vor allem Frauen in die Sprechstunde, die sich vielleicht Jahre selbst versucht haben zu behandeln und nicht mehr weiterwussten. Heute ist die Situation eine komplett andere: Frauen kommen eher, sie sind belesen, stehen zu ihren Beschwerden und wollen diese pragmatisch angehen. Und sie wollen nicht mehr abgespeist werden mit Erklärungen, die Wechseljahre seien eine normale biologische Sache, durch die Frau eben durchmuss. Die Frauen holen sich selbstbewusst Hilfe.

Wie genau sieht Ihr Hilfsangebot aus?

Wir betrachten, wie eingangs gesagt, immer die ganzheitliche Situation der Frau: Sind die Beschwerden neu und stehen in direktem Zusammenhang mit dem Hormonabfall? Dann messen wir die Hormone und starten zum Beispiel mit einem Progesterongel oder einer angemischten Creme. Vielen Frauen hilft das schon sehr. Sind die Beschwerden stärker, gibt es Progesteron auch in Kapselform. Besteht eine seelische Befindlichkeit, die nun durch die Hormonveränderung psychische Beschwerden macht? In diesem Fall unterstützen wir eventuell mit weiteren Medikamenten. Sehr wichtig ist aber auch die Psychoedukation. Dabei lernt die Frau, warum sie welche psychischen Beschwerden hat und wie sie damit konkret umgehen kann. Sie wird praktisch zur eigenen Expertin ihrer Erkrankung – und gewinnt wieder Kontrolle über ihr Leben.

Sie geben also nicht nur medikamentöse Tipps.

Auf gar keinen Fall, die Wechseljahre sind ja ein komplexes Geschehen, das mit diversen anderen Veränderungen zeitlich zusammenfällt. So zum Beispiel häufig mit der Situation, dass die Kinder aus dem Haus gehen, dass die Ehe dadurch vielleicht wackelt und das Alter voranschreitet. Manche Frauen wissen gar nicht mehr, welche Interessen sie haben, was ihnen guttut. Andere leiden unter Gewichtszunahme. Hier hilft keine Pille, sondern die Frauen brauchen eine Stärkung ihres Selbstwertgefühls, konkrete Tipps zur Ernährung und eine sportliche Anleitung. Wir betrachten mit jeder Frau, worunter sie persönlich leidet, und was sie prinzipiell in ihrem Leben verändern möchte – und setzen dann zum Beispiel durch den Austausch in der Menopausengruppe oder durch unsere verschiedenen Angebote neue Impulse.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Dr. Krüger.
Das Interview führte Beate Wagner.

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