Dialysepatientin bei Blutwäsche auf einem Krankenhausbett (Bild: imago images/Oliver Ring)
Bild: imago images/Oliver Ring

Interview l Was tun für gesunde Nieren? - Nieren leiden meist ohne großen Alarm

Stoffe, die uns nutzen, filtern sie - was uns schadet, schicken sie aus dem Körper. Die Nieren waschen unser Blut und baden dabei viel von unserem Lebensstil aus - auch in Pandemiezeiten. Was nutzt und schadet unseren Nieren in dieser Zeit? Wie schützen wir sie? Fragen an Nierenexpertin Prof. Dr. Christiane Erley vom St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof.

Frau Prof. Erley, Pandemiezeiten, in denen viele Menschen viel Zeit zuhause verbringen (müssen) können im wahrsten Sinne ja auch an die Nieren gehen. Was belastet unsere Nieren medizinisch gesehen? Und gibt es einen Trend der Mehrbelastung?
 
Fakt ist, dass weltweit die Anzahl der Nierenkrankheiten zunimmt - das war schon vor der Pandemie so. Man weiß nicht sicher warum, glaubt aber, das ist vor allen Dingen der Tatsache geschuldet, dass der Diabetes und Bluthochdruck auf dem Vormarsch sind. Hier gibt es auch neue Therapien und deswegen werden Menschen, die zuckerkrank und oder hochdruckkrank sind, immer noch im Verlauf nierenkrank, kommen aber später an die Dialyse. Dennoch sind die Nieren bei jedem, der blutzuckerkrank ist oder einen Bluthochdruck hat - was oft zusammen geht -, einfach immer im Laufe der Zeit auch angegriffen.

Daneben gibt es gute Beobachtungen aus anderen Regionen der Welt, dass auch die Umweltsituation, zum Beispiel Pestizide und andere Umweltgifte, Schadstoffe enthalten, die die Nieren der Menschen gefährden.
 
Man muss sich vorstellen: Die Nieren sind der Ort im Körper, wo viele Gifte oder belastende Substanzen konzentriert werden. Wir atmen sie ein, wir essen sie, wir nehmen sie auch durch die Haut auf - und dann zirkulieren sie im Körper. Dort ist die Konzentration meist sehr niedrig und hier ist die Toxizität nicht so ausgeprägt. Aber wenn sie dann über die Niere ausgeschieden werden sollen - was viele toxische Substanzen werden - dann werden diese Substanzen in den Nieren konzentriert, um in den Urin zu gelangen. Und dann hat man einfach pro Zelle eine höhere Exposition von toxischen Substanzen. Das führt dazu, dass Dinge, die Schaden anrichten, immer die Nieren besonders schädigen - übrigens auch Tabletten.
 
Man nimmt zum Beispiel an, dass viele der zum Teil frei verkäuflichen Schmerzmedikamente auf die Dauer auch die Nieren schädigen, insbesondere wenn sie durch Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes bereits empfindlicher sind.

Und die Nieren sind ja verhältnismäßig kleine Organe, faustgroß.
 
Ja, genau, dennoch fließt sehr viel Blut durch die Nieren - man könnte meinen, dass sie im Verhältnis zur Größe besonders gut versorgt werden. Nur kriegen die Nieren das Blut ja nicht, um als Organ am Leben zu bleiben (hierfür würde auch ein Fünftel reichen) - sie werden durchblutet um zu arbeiten, also Urin zu prodizieren.
 
Andere Dinge, die den Nieren zusätzlich "einen drauf" geben, finden sich in der Ernährung vor allem in den Industrienationen. Rotes Fleisch ist ein Beispiel. Man weiß: dort, wo Patient:innen viel rotes Fleisch konsumieren, finden wir mehr Nierenerkrankungen.
 
Und auch einige Getränke belasten die Nieren sehr stark - vor allem phosphathaltige Getränke.

Vor allem Limonaden?
 
Ja, interessanterweise nicht nur die zuckerhaltigen, auch Getränke mit "light" im Namen oder Getränke, die sehr viel Energie versprechen [Anm. d. Red.: Energydrinks]. Diese Getränke enthalten meist sehr viel Phosphat. Und dieses Phosphat muss auch wieder raus. Das ist für die Nieren anstrengend. Hier gibt es eventuell einen Zusammenhang auch zum Auftreten von Nierensteinen.
 
Zusammenfassend gibt es eine ganze Menge Beobachtungen dazu, wie alleine die Ernährung und die Lebenssituation, insbesondere in Industrieländern, dazu führt, dass die Nieren mit den Jahren schlechter werden. Und nun werden - glücklicherweise - wir alle tendenziell älter als früher. Damit nimmt die Zahl der Menschen, die nierenkrank sind auch zu.

Und die aktuelle Pandemiesituation konkret? Von Kolleginnen und Kollegen von Ihnen aus anderen Fachbereichen höre ich z.B. Dinge wie: Wenn das Office jetzt in der Küche - neben dem Kühlschrank - liegt, dann kann das gesundheitlich ein ziemliches Problem werden. Und Übergewicht, hoher Blutzucker und Bluthochdruck z.B. sind ja auch für die Nieren Risikofaktoren.
 
Ja, aber das wirkt sich jetzt meist noch nicht akut auf die Nieren aus. Diese "Kollateralschäden" der Pandemie, die werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren an einer Zunahme der Nierenschäden sehen. Wenn jetzt jemand 15-20 Kilo zunimmt, dann vielleicht auch einen hohen Blutdruck entwickelt, vielleicht Diabetes, dann sehen den Nierenschaden erst in mehreren Jahren.
 
Anders ist es mit akuten Veränderungen. Wir beobachten in den Krankenhäusern, dass die Patient:innen seltener zum Arzt gehen und Beschwerden "länger aushalten". So haben wir Patient:innen mit schwerem Nierenversagen aufgenommen, die dann bei Nachfrage sagten: "Ja, ich habe schon seit zwei, drei Tagen eigentlich keine Urinausscheidung mehr." Und das wäre so früher nicht passiert, da wäre man früher zum Arzt gegangen.
 
Diese Zurückhaltung in ein Krankenhaus zu gehen ist verständlich, weil natürlich Krankenhäuser aktuell auch ein Infektionsrisiko bedeuten. Dadurch haben Patient:innen, die dann doch in die Krankenhäuser kommen, aber meist deutlich schwerere Erkrankungen.
Und das gilt nicht nur für die Nierenerkrankungen: Wir haben auch Patient:innen gesehen, die mit ihrer akuten Blinddarmentzündung lange gewartet haben, weil sie dachten, sie können es irgendwie abwettern.
 
Das macht natürlich im Falle einer schweren Erkrankung - wozu das akute Nierenversagen gehört - die Situation schwieriger, weil therapierbare Erkrankungen einfach zu spät behandelt werden. Wir müssen dann oft sagen: Also das Nierenversagen ist jetzt tatsächlich zu weit vorangeschritten, wir können nicht mehr viel tun.

Wenn Sie ansprechen, dass Menschen zu Hause sogar länger leiden, aus Angst vor einer COVID-19-Ansteckung - was wären denn aber überhaupt Anzeichen dafür, dass es den Nieren schlecht geht? Bei welchen Veränderungen sollte man sogar zu Arzt oder Ärztin?
 
Das ist ein Riesenproblem für uns Nierenärzte, weil die Nieren, im Gegensatz zu anderen Organen bei Erkrankungen, sich nicht durch klare Symptome äußern. Vor allem gehen viele Nierenerkrankungen schmerzlos voran. Und was bringt Menschen häufig zum Arzt? Schmerz! Wenn Nierenerkrankungen im Anfangsstadium weh tun würden, könnten wir viele Patient:innen früher erkennen.
 
Eine Ausnahme sind Erkrankungen wie Nierensteinen - da kann man ja auch mal eine Kolik kriegen. Aber die normalen Nierenerkrankungen, die tun leider nicht weh. Das drückt manchmal so ein bisschen hinten in der Wirbelsäule und dann weiß man nicht richtig: Kommt es von den Nieren oder kommt’s vom Rücken. Patient:innen spüren es meistens erst, wenn sie wirklich große Probleme bekommen, wie zum Beispiel ein Rückgang der Urinausscheidung - dann bleibt das Wasser im Körper und man kriegt Luftnot, dicke Beine oder wenn der Urin blutig ist. Wenn der Urin schäumt, deutet das eventuell darauf hin, dass sehr viel Eiweiß ausgeschieden wird - das sehen aber oft nur Patient:innen, die bereits von ihrer Erkrankung wissen.
 
Andere Dinge bemerkt man nicht so leicht und sie bestehen ggf. über längere Zeiträume: z.B. dass man nachts auf Toilette muss, was man normalerweise nicht musste. Oder der Blutdruck steigt, man wird blutarm oder fühlt sich [grundlos] abgeschlagen. Das sind allerdings gerade in Zeiten der Pandemie sehr unspezifische Symptome.
 
Die Nieren alarmieren uns leider oft nicht frühzeitig genug.

Also auch die Urinfarbe sagt leider nur wenig, oder? In manchen Familien gibt es ja dazu alte "Weisheiten" …
 
Es gab ja früher, im Mittelalter, Ärzte, die haben ganz viel über den Urin diagnostiziert. Da gab's ja ganze Tabellen, wie der Urin aussehen kann. Ich kann Ihnen alles zeigen, von lila bis orange - aber es ist leider sehr unspezifisch. Und das, was wirklich krank macht, das sieht man leider oft nicht. Außer vielleicht, wenn es richtig blutig ist, das ist dann allerdings meistens ein Fall für die Urolog:innen, denn das Blut kommt dann meistens aus der Blase oder dem Harnleiter.
 
Um Bedrohungen für die Niere herauszufinden braucht es eben die Untersuchung beim Arzt auch durch Laborwerte, gerade wenn man ein Risiko (Bluthochdruck) hat. Nierenerkrankungen sehen wir übrigens auch im Fall einer Coronainfektion.

COVID-19-Pandemie und wie es gerade den Dialysepatienten in Berlin damit geht - darüber hatten sie vor gut einem Monat mit unserem rbb Praxis-Team gesprochen. Wie sieht es denn bei Ihnen jetzt aus? Hat sich vielleicht etwas verbessert?
 
Es ist weiter leider eine große Katastrophe. Wir haben jetzt gerade von der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie nochmal ein Aufruf gestartet, um Patient:innen zu impfen, denn unsere Dialysepatient:innen sind weiterhin nicht in der vorderen Prioritätsgruppe, es sei denn sie sind über 80 Jahre. Und wir wissen inzwischen, dass die Sterblichkeit der Dialysepatient:innen sehr hoch ist, wenn sie COVID bekommen - auch die der jüngeren Patient:innen. Diese ist vergleichbar mit den über 80-Jährigen. Deswegen ist es überhaupt nicht einzusehen, dass diese Menschen aus dem Raster gefallen sind.
 
Und diese Patient:innen können sich halt auch nicht isolieren oder in Quarantäne begeben: die müssen dreimal die Woche an die Dialyse. Wir haben unter den Dialysepatient:innen sogar manche, die das Risiko einer Mehrfachinfektion haben [selbst wenn sie es einmal überstanden haben], weil sie wahrscheinlich von ihrem Immunsystem her das Virus nicht richtig eliminieren können. Wir haben in allen Praxen und in Krankenhäusern, die mit Dialysepatient:innen zu tun haben, leider nach wie vor keine Entspannung. Und ich kann nur noch einmal daran appellieren zu impfen, das wäre wirklich wichtig, damit unsre Patient:innen geschützt werden.
 
Wir stehen alle bereit dazu. Es sind Patient:innen, die dreimal die Woche einen Arzt sehen - jede Dialysepraxis kann impfen, das ist für uns überhaupt kein Problem. Bevor etwas weggeschmissen wird, würden wir unproblematisch auch die Impfdosen nehmen, die noch übrig sind.

Dialysepatient*innen sind zur Zeit in der Impfgruppe 2 - und die ist sehr groß in Deutschland …
 
Das will ich gerade sagen: Sie sind nicht als Dialysepatient:innen in dieser Gruppe, sondern als chronisch Nierenkranke. Das ist zahlenmäßig aber eine ganz andere Nummer und tatsächlich sind chronisch Nierenkranke nicht alle so stark gefährdet.
Dialysepatient:innen sind besonders gefährdet.
 
Und wir hatten eine deutliche Übersterblichkeit aller Dialysepatient:innen in Berlin und in allen deutschen Dialysezentren. Das ist ähnlich wie in den Altersheimen, aber hier auch bei Patient:innen, die deutlich jünger sind.

Liebe Frau Prof. Erley, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Lucia Hennerici

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