Mann liegt wach auf Kissen, über im Symbol einer liegenden Acht (Bild: imago images/Ikon images)
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Interview l Demenz-Symptome richtig deuten - Schlafstörungen können Anzeichen für Alzheimer sein

Schlechter Schlaf kann Alzheimer schon Jahre vorher ankündigen. Zumindest haben Forscher einen engen Zusammenhang zwischen neurodegenerativen Erkrankungen und Schlaf entdeckt. Woher kommt dieser Zusammenhang kommt und kann man sein Gedächtnis "schützen"? Fragen an Prof. Dr. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité.

Herr Prof. Fietze, welchen Zusammenhang gibt es zwischen Schlafstörungen und Alzheimer?
 
Wir wissen schon seit geraumer Zeit, dass Schlafstörungen ein Vorbote für Alzheimer und Demenz sein können. Neu ist die Erkenntnis, dass der beginnende Alzheimer müde machen kann. Das liegt daran, dass wach machende Regionen im Gehirn unter Alzheimer und Demenz leiden. So kann die Tagesmüdigkeit - unabhängig von Schlafstörungen - auch ein Frühzeichen ist.

Von welcher Form von Schlafstörungen reden wir?
 
Wir reden von der Insomnie, das bedeutet nicht einschlafen oder durchschlafen können, also qualitativ schlecht schlafen.
 
Das zweite ist die obstruktive Schlafapnoe, das sind nächtliche Atmungsstörungen. Patienten, die schnarchen und Atemaussetzer haben, die haben zusätzlich einen niedrigen Sauerstoffgehalt. Der nächtliche Sauerstoffmangel ist provozierend für Alzheimer und Demenzerkrankungen.

Und was bedingt was?
 
Bisher gingen wir davon aus, dass schlechter Schlaf Alzheimer oder Demenzerkrankungen provoziert. Man weiß, dass wenn man nur eine Nacht kürzer als sechs Stunden schläft, man am nächsten Tag eine erhöhte Konzentration von Tau-Proteinen und Beta-Amyloid im Liquor hat [Anm. d. Red.: Liquor cerebrospinalis wird auch Gehirnwasser oder Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit genannt].
 
Das bedeutet: Eine Nacht schlechter Schlaf erhöht die Konzentration der pathologischen Eiweiße im Gehirn. Wenn das nicht regelmäßig so ist, gleicht sich das wieder aus. Da diese Eiweiße allerdings für Alzheimer verantwortlich sind, ist klar, dass es bei einer dauerhaft erhöhten Konzentration, zum Beispiel bei dauerhaft schlechtem Schlaf, zu einer Schädigung kommt.
 
Tagesmüdigkeit kann wiederum durch Alzheimer ausgelöst werden.

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Was passiert mit den schädlichen Eiweißen, wenn man gut schläft?
 
Wenn man gut schläft, werden diese Eiweiße über die Glymphe im Gehirn in das Lymphsystem geleitet. Dann gehen sie weiter ins Blut und in den Urin. So werden die Schadstoffe aus dem Gehirn ausgeschwemmt und das jede Nacht. So wird das Gehirn "entgiftet".

Bei welcher Schwere von Schlafproblemen sollte man zum Arzt?
 
Nur weil man nicht mehr der beste Schläfer ist, sollte man sich nicht gleich beim Schlafmediziner melden. Das heißt, wenn ich mal zwei bis drei Monate nicht gut schlafe, hat das noch keine gravierenden Auswirkungen.
Wenn ich aber über mehrere Jahre meinen Schlaf verloren habe, also nicht mehr einschlafen oder durchschlafen kann oder morgens ganz früh aufwache und danach nicht mehr einschlafen kann und mich den ganzen Tag schlapp fühle, ist das der Zeitpunkt zum Arzt zu gehen.
 
Das bedeutet: Wenn ich in eine Schlafstörung rutsche, muss ich nicht als erstes an Alzheimer oder Demenz denken, weil sich das Risiko dafür erst aus einer schlechten Schlafphase von mehr als vier bis fünf Jahren ergibt.
 
Das Risiko, in eine chronische Schlafstörung zu rutschen, besteht jedoch schon nach zwei bis drei Monaten.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es - auch vor dem Zusammenhang Schlaf und Alzheimer?
 
Man behandelt eine chronische Schlafstörung. Wenn das Gehirn sich entgiften soll, braucht es nun mal mindestens sechs Stunden Schlaf, besser sieben oder acht. Eine Möglichkeit ist, die Ursachen für den schlechten Schlaf zu behandeln. Also zum Beispiel Schmerzen, Juckreiz, Tinnitus, Migräne, das Schnarchen, die Atemaussetzer oder unruhige Beine.
 
Wenn das alles nicht zutrifft und jemand trotzdem nicht schlafen kann, dann ist der erste Schritt eine Verhaltenstherapie. Dabei können ungünstige Verhaltensmuster durch positive ersetzt werden, zum Beispiel kann man sich ein Einschlafritual aneignen. Auch pflanzliche Produkte, wie Baldrian oder Hopfen können helfen.
 
Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, müssen Schlafmittel eingenommen werden. Für schwer schlafgestörte Menschen ist ein guter Schlaf mit Tablette besser als der schlechte Schlaf. Für diese Betroffenen gilt: Nicht durch die Schlaftablette ist das Alzheimerrisiko erhöht, aber durch den schlechten Schlaf.

Ist das Schlafhormon Melatonin eine Behandlungsoption?
 
Melatonin ist zwar sehr schwach, aber das Mittel der ersten Wahl, vor allem bei älteren Menschen. Denn je älter man ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass man bei Schlafstörungen einen Melatoninmangel hat. Daher ist das Medikament bei älteren Menschen oft wirksam.

Herr Prof. Fietze, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Laura Will

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