Kind hält sich schmerzenden Bauch (Bild: imago/Westend61)
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Interview l Kindergastroenterologische Sprechstunde in Berlin - Wohin wenn's schmerzt? Hilfe für Kinder mit unklaren Bauchschmerzen

Wenn’s im Bauch krampft oder grummelt, kann vieles dahinter stecken: Magen-Darmprobleme, Infektionen, Unverträglichkeiten … Umso aufwühlender, wenn ungeklärte Bauchschmerzen das Kind treffen. Wie "ermittelt" man die Ursache und hilft? Antworten von Dr. Markus Schmitt, Oberarzt der neu aufgelegten ambulant/stationären Kindergastroenterologie am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf.

Herr Dr. Schmitt, was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Ursachen für wiederholte oder gar chronische unklare Bauchschmerzen bei Kindern?
 
Bauchprobleme sind, neben den Problemen der Atemwege, die häufigsten Gründe, weshalb Kinder beim Kinderarzt vorgestellt werden. Bauchschmerz ist in der Tat sehr vielschichtig. Er kann kurzzeitig da und wieder weg sein, wie bei Blähungen, beim Stuhlverhalt [umgangssprachlich "Verstopfung"], bei Magen-Darm-Infektionen oder wenn einem Kind "etwas schwer im Magen liegt".
Hier genügt der erfahrene klinische Blick, ein paar Tipps und oft ist damit das Problem gelöst.

Es gibt aber auch Kinder, bei denen Bauchschmerzen anhalten. Man spricht von chronischen Schmerzen, wenn sie länger als zwei Monaten bestehen, mindestens einmal wöchentlich auftreten und wenn sich durch die Beschwerden eine schmerzbedingte Beeinträchtigung der Aktivität entwickelt.
Dann wird es eben "spannend" zu ermitteln, in welchen anatomischen Regionen und wie problematisch diese Bauchschmerzen einzuschätzen sind.
 
Kleine Kinder beklagen oft "Bauch Aua" - die Ursache kann trotzdem banale Gründe haben, beispielsweise wenn sie etwas Falsches oder zu viel gegessen haben. Da wäre man bei dem riesigen Feld der Nahrungsmittel assoziierten Bauchschmerzen: Die Kunst liegt darin, zu differenzieren, ob Gewohnheiten verändert werden müssen oder ob Unverträglichkeiten diätetische Konsequenzen haben.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten - ist das ein so großes Feld wie bei Erwachsenen? Und welche Lebensmittelgruppen betrifft das bei Kindern häufig?
 
Im Erwachsenenalter finden sich Nahrungsunverträglichkeiten, im Kindesalter Nahrungsmittelallergien häufiger. Hier hat die Kindergastroenterologie eine wichtige Schnittstelle zur Allergologie, eine Thematik auf die das Team im Helios Klinikum Emil von Behring seit Jahren spezialisiert ist.
 
Bei den Unverträglichkeiten stehen Lactose- und Fructose als Zuckerunverträglichkeiten an erster Stelle. Milch ist ja normalerweise eine Säuglingsnahrung. Die Natur ist clever und schaltet Fähigkeiten zur Verdauung ab - in der Annahme sie werden mit zunehmendem Alter nicht mehr gebraucht.
Nun sind wir Menschen ja in der Lage, uns Kühe zu halten und deshalb Milch bis ins höchste Lebensalter zu konsumieren. Aber bei bis zu 20% der Deutschen ist das Verdauungsgen abgeschaltet, der Milchzucker verbleibt im Darm und es freuen sich Bakterien im Dickdarm über die Extramahlzeit. Folgen sind Blähungen, Flatulenzen, usw. - das führt zu Bauchschmerzen.

Bei der Fructose ist der Pathomechanismus anders [Anm. d. Red.: Eine Kausalkette von Körpervorgängen, die zusammen zu einer Krankheit führen], aber das Resultat der unzureichenden Verdauung ist ähnlich, weil der Fruchtzucker im Darm verbleibt und die gleichen Beschwerden verursacht.

Grundsätzlich ist eine gründliche Nahrungsmittelanamnese wichtig. Wenn der Zusammenhang aufgedeckt ist, schließt sich eine detaillierte Diätberatung an. Im Gegensatz zu Allergien sind Unverträglichkeiten nicht lebensbedrohlich. Auch diese Information ist für Eltern wichtig, Ausnahmen können mit den Kindern besprochen werden. Wenn das Kind ein Milcheis möchte und es um die Konsequenzen weiß ist auch das mal möglich.

Und wie kommen sozusagen Eltern, Kind und das Problem zu Ihnen in die ambulante & stationäre Kindergastroenterologie in Zehlendorf?
 
Also grundsätzlich gehen die Eltern mit dem Kind zu ihrer Kinderärztin oder zu ihrem Kinderarzt. Von hier folgt die Überweisung an die Kindergastroenterologie, wenn irgendetwas unstimmig ist oder problematisch erscheint - nach dem Motto: Das ist jetzt kein banaler Bauchschmerz, kein vorübergehender Bauchschmerz, ein intensiverer Bauchschmerz.
 
Es gibt sogenannte "Red Flags", also Warnsignale beim akuten und chronischem Bauchschmerz beispielsweise, wenn er sehr ungewöhnlich ist oder mit vegetativen Begleiterscheinungen einhergeht. Bei einem Kind, das sich an den rechten Unterleib fasst, kreidebleich ist und heftigste Schmerzen hat, denkt natürlich jeder an den Blinddarm.
Aber es gibt Entzündungen der Magenschleimhaut und Gallenwegsprobleme, die sehr heftig sein können. Auch Bauchspeicheldrüsenentzündungen können massives Leid verursachen.
 
Solche Zustände führen dazu, dass Kinder vorgestellt oder auch zur kindergastroenterologischen Abklärung eingewiesen werden. Bei dem weiten Feld der chronischen Bauchschmerzen geht es darum, dass Kinderärzte ohne invasive Diagnostik wie Magen- und Darmspiegelungen nicht weiterkommen.
Da ist die Ermächtigungssprechstunde, die wir als zweite Klinik in Berlin neben der Charité anbieten können sehr hilfreich. Natürlich gibt es in anderen Kinderkliniken eine kindergastroenterologe Expertise. Aber diese Schnittstelle vereinfacht das Vorgehen und ermöglicht den direkten Kontakt auch mit der Entscheidung ob ein Kind rasch stationär betreut werden muss.

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Haben Sie vielleicht ein aktuelles Beispiel?
 
Gestern war eine Jugendliche bei mir in der Sprechstunde mit seit zwei Monaten anhaltenden Oberbauchschmerzen. Zwischenzeitlich wurde auch ein Medikament gegeben. Somit schien die diagnostizierte Magenschleimhautentzündung mit einem Säureblocker von der Kinderärztin aber adäquat behandelt.
 
Bei hohem Leidensdruck der Jugendlichen war es durch unsere die Möglichkeiten gut machbar, unverzüglich eine Magenspiegelung durchzuführen und so haben wir eine ausgeprägte Speiseröhrenentzündung festgestellt.
Die Jugendliche hatte auch sehr viel Stress - in diesen Tagen gut nachvollziehbar. Wir konnten die Medikamentendosis anpassen, durch die gesicherte Diagnose die Familie beruhigen und Ängste nehmen. Da hilft natürlich auch die Einbeziehung von Psychologin und Ernährungsberaterin im Haus.
 
Über die Notfallsprechstunde können jederzeit Kinder mit akuten, für die Eltern besorgniserregenden Bauchschmerzen vorgestellt werden, wenn der eigene Kinderarzt nicht verfügbar ist.

Sie hatten Red Flags ja schon angesprochen: Was wären denn solche Warnsignale, auf die Eltern achten sollten und vielleicht sogar direkt zu Ihnen kommen? Mindestens in die Sprechstunde, aber vielleicht sogar die Notfallsprechstunde?
 
Da ist es der akute Schmerz, der auch sehr lokalisiert angegeben wird. Unproblematische Bauchschmerzen werden oft unspezifisch in die Nabelgegend projiziert. Es wird ernst, wenn ein Kind den exakten Schmerzpunkt benennen kann oder durch Schmerzäußerungen auf punktförmigen Druck reagiert.
 
Weitere ernste Warnzeichen sind der mehrfach blutiger Stuhl, der fest angespannte Bauch, vegetative Erscheinungen, wie ein schwitzendes Kind mit auffälligem Gesichtsausdruck. Man sieht dem Kind an, dass am Bauch irgendwas los ist, es blickt in eine tiefe Leere, weil es ganz mit dem Schmerz im Bauch beschäftigt ist.
Ja, das spüren auch die die Eltern, dass hier sofort ärztliche Hilfe nötig ist. Hier geht es ohne Überweisung direkt in die Klinik mit Equipment und Erfahrung.
 
Das Gleiche gilt, wenn Gegenstände verschluckt werden und Beschwerden auftreten, wie starkes Speicheln und keine Nahrungsaufnahme mehr möglich ist. Da haben wir die Möglichkeit, den Fremdkörper rasch, gegebenfalls in Narkose, zu entfernen.
Knopfzellen [Anm. d. Red.: 50 Centstück-große, flache Batterien] sind hier besonders tückisch und werden oft unterschätzt: Selbst eine "leere" Knopfzellbatterie lässt noch so viel Stromfluss zu, dass die Schleimhaut schwer geschädigt wird und dadurch auch tiefgreifende Verletzungen mit Löchern und Durchbrüchen im Bereich des Brustkorbs entstehen können.
 
Zu den Red Flags gehören aber auch weniger dramatische Symptome, wie Gewichtsverlust, wiederholtes Erbrechen, anhaltende Durchfälle länger als 14 Tage und auffällige Tast- und Abhörbefunde beim Kinderarzt.

Und in der normalen Magen-Darm-Sprechstunde - was sind da die häufigsten Beschwerdeursachen, die Sie und Ihr Team bei Kindern sehen?
 
Die häufigsten Gründe für die Vorstellung in meiner Sperrstunde sind zum einen funktionelle Bauchschmerzen, also das, was man gemeinhin als Reizmagen und Reizdarmbeschwerden bezeichnet. Da gibt es auch Definitionen mit unterschiedlichen Gewichtungen bis hin zum Reizdarmsyndrom.
Die Schmerzen können sehr belastend sein und mit hohem Leid für die gesamte Familie einhergehen. Oft sind auch Mütter und Väter betroffen. Hier hilft vor allem Aufklärung, woher die Schmerzempfindungen kommen und was dahinter steckt. Neben der Vermeidung auslösender Faktoren helfen Lifestyle-Tipps zur gesunden Ernährung, Bewegungsausgleich mit Sport, Stressabbau, so dass Entspannung die Beschwerden positiv beeinflussen kann und sie so erträglicher werden.
Natürlich müssen alle möglichen körperlichen organische Ursachen für die Schmerzzustände ausgeschlossen sein.

Der ganzheitliche Ansatz steht im Vordergrund ...
 
Aufklärung und Beratung sind wichtiger als pharmazeutische Therapien, also der Einsatz von Medikamenten, deren Wirksamkeit nur selten in diesem Zusammenhang belegt ist.
 
Häufig ist auch die chronische Obstipation im Kindesalter, also Verstopfung mit ihren mannigfaltigen Ursachen. Man glaubt nicht, wie viel Leid das verursachen kann, weil jeder Stuhlgang so schmerzhaft wie eine "kleine Geburt" abläuft.
Es werden Kinder vorgestellt, deren letzter Stuhlgang 14 Tage zurückliegt. Sie können sich den damit verbundenen Schmerz sicher vorstellen, das Kind weiss nicht, wie es außer der Vermeidung des Stuhlganges durch "Verklemmen" damit umgehen soll und das ist keinesfalls eine zielführende Lösung.
 
Auch hier gilt es, anatomische und organische Ursachen auszuschließen und den Teufelskreislauf zu durchbrechen, damit die Kinder schmerzfrei ihr Geschäft erledigen können. Das ist die Kunst, die den pädiatrischen Gastroenterologen in der Zusammenarbeit mit den Kinderärzten in der Regel gut gelingt.

Herr Dr. Schmitt, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Lucia Hennerici

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