Physiotherapeut untersucht Kiefermuskulatur einer Frau (Bild: imago images/Jochen Tack)
Bild: imago images/Jochen Tack

Beschwerden durch das Kiefergelenk - Kopf, Rücken, Knie: Wenn der Kiefer zum Schmerzfaktor wird

Probleme mit dem Kiefergelenk sorgen meist für Schmerzen im Gesicht - klar. Was aber wenige wissen: Sie können auch Schmerzen im ganzen Körper auslösen. Eine häufige Ursache ist die Craniomandibuläre Dysfunktion. Was das ist und wie der Kiefer behandelt werden kann - die rbb Praxis klärt auf.

Wer unter Kopfschmerzen, Schwindel oder Rückenschmerzen leidet, muss auf der Suche nach Ursachen manchmal eine Odyssee an Arztterminen erleben. Denn die Auslöser für solche Beschwerden sind vielfältig.

Eine Ursache kann die sogenannte Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) sein, eine Funktionsstörung im Kiefergelenk. Diese wird häufig durch eine Fehlstellung der Kiefergelenke ausgelöst, weitere Ursachen können aber zum Beispiel Fehlhaltungen des Kopfes oder Oberköpers sein. Hinweise auf CMD sind beispielsweise, dass man den Mund nur noch bedingt öffnen kann, Knacken und Knirschen im Kiefergelenk sowie eine erhöhte Druckempfindlichkeit.

Kiefergelenk Ursache wird oft vergessen

Problematisch ist, dass durch die CMD häufig Kettenreaktionen entstehen: Es kommt zu Beschwerden, die im ganzen Körper auftreten können und häufig nicht mit dem Kiefergelenk in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören unter anderem Symptome wie Schmerzen in Wangen und Schläfen, Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich, Bandscheibenprobleme und Knieschmerzen.
 
Der Grund, warum CMD-Beschwerden häufig in anderen Bereichen als im Kiefer auftreten ist, dass der Kiefer über vielfältige Nerven mit Kopf- und Beckenbereich verbunden ist. Und: Kettenreaktionen funktionieren in beide Richtungen. Der Kiefer kann Beschwerden im Lenden-Beckenbereich auslösen und ein Fehlstellung der Wirbelsäule kann sich auf das Kiefergelenk auswirken. Daher wird CMD häufig spät erkannt. Und je länger die Diagnose dauert, umso mehr haben sich die Probleme im Körper verfestigt.

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Stress ist ein wichtiger Faktor

Schätzungsweise 70 Prozent der Bevölkerung haben verschobene Kiefergelenkteile, allerdings führen diese nur bei jedem Siebten zu Beschwerden, die behandelt werden müssen. Zu Beschwerden kommt es oft dann, wenn auf das Gelenk zusätzlich Druck ausgeübt wird. "CMD betrifft alle Altersschichten. Man kann aber beobachten, dass es häufig mit Stress einhergeht", sagt Prof. Dr. Falk Schwendicke, stellvertretender Leiter der Abteilung Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin an der Charité Berlin. Und unter Stress steckt der Körper erst mal einiges weg. Der Kiefer kann Veränderungen lange über die Muskulatur oder Gelenke ausgleichen. Wenn diese Anpassung nicht mehr möglich ist, kommt es zu Schmerzen.

Die Behandlung erfolgt in der Regel mit einer Zahnschiene, so Schwendicke: "Was man am häufigsten macht, ist die Schienentherapie. Damit versucht man, eine Muskelrelaxation der Kiefergelenke zu erreichen. Wenn das nicht glückt, kann der Patient mit Physiotherapie unterstützt werden. Es gibt aber auch die Möglichkeit, mit einer Botoxinjektion die Kiefermuskulatur zu entspannen."
 
Anlaufstelle für Menschen mit Kieferbeschwerden sollten Kieferorthopäden oder Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen sein. In vielen Fällen ist aufgrund der Vielschichtigkeit der Symptome eine fachübergreifende Therapie nötig – das heißt Kieferorthopäden, Orthopäden, Osteopathen oder Physiotherapeuten arbeiten zusammen.

Beitrag von Laura Will

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