Salzkörner auf einem Holzlöffel (Bild: unsplash/Jason Tuinstra)
Bild: unsplash/Jason Tuinstra

Interview l Studie: Schädlicher Salzkonsum - Weniger ist mehr: Blutdruck senken mit Salzalternativen

Kochsalz in der Nahrung treibt den Blutdruck in die Höhe. Mit gefährlichen Folgen, denn Bluthochdruck kann auf Dauer zu Schlaganfall und Herzinfarkt führen. Könnten Salzalternativen der Gesundheit helfen - und wie sehr? Fragen an Prof. Dr. Markus van der Giet, Leiter des von der Deutschen Hochdruckliga zertifizierten Hochdruckzentrums der Charité, Campus Benjamin Franklin.

Herr Prof. van der Giet, Studien aus China haben gezeigt, dass Alternativen zum herkömmlichen Kochsalz den Blutdruck senken und das Risiko einen Schlaganfall und Herzinfarkt zu erleiden reduzieren können. Wie verbreitet sind solche Salzalternativen in Deutschland?

Es gibt solche Salzalternativen in verschiedenen Läden, aber es gibt jetzt keine salzreduzierte Variante der bekannten Marken, die ganz normal neben den anderen Salzprodukten im Supermarkt steht. Das heißt, man muss schon ganz gezielt danach suchen.
 
Unseren Patienten empfehlen wir in der Regel eine salzärmere Kost. Das heißt, wir raten ihnen auf Fertigprodukte, Wurstwaren, Käse und Brot zu verzichten, weil darin viel Salz enthalten ist.
Der chinesische Ansatz war, einen Teil des Salzes zu ersetzen, so dass die Menschen ihr Essverhalten nicht ändern mussten.

Was in China so gut funktioniert hat, wäre doch auch für Deutschland ein gutes Modell, oder?
 
Die Idee ist wirklich nicht schlecht. Das Problem ist, dass man in Deutschland jedes neue Produkt zulassen muss. Im Fall der Salzalternative wäre das dann ein Nahrungsergänzungsmittel und kein Medikament.
Wenn man aber gezielt den Blutdruck mithilfe einer solchen Salzalternative beeinflussen will, dann müsste man das eigentlich als Medikament deklarieren. Und das ist für die Hersteller nicht sehr attraktiv, da sie hierfür aufwändige Zulassungsverfahren durchlaufen müssten, ohne das am Ende ein wirtschaftlicher Gewinn stünde. Zumal ein Patentschutz für ein derartiges Produkt sicherlich nicht zu erlangen ist und ohne Patentschutz wird es dann auch schwierig, Studien durchzuführen, die teuer sind.
 
Wenn eine solche Salzalternative als Nahrungsergänzungsmittel geführt wird, ist wiederum die Frage, ob die Konsumenten und Konsumentinnen ein solches Produkt auch kaufen, weil es meistens teurer ist, als das normale Kochsalz.
Und mit dem gesundheitlichen Nutzen der Blutdrucksenkung dürfte man in diesem Fall nicht werben und auf Rezept verschrieben werden könnte es erst recht nicht.

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Spielt der Verzehr von Kochsalz wirklich so eine große Rolle bei der Entstehung von Bluthochdruck?
 
Was die Entstehung angeht, ist das schwer zu sagen, das wissen wir nicht so richtig. Was wir aber wissen, ist, dass es etliche Patientengruppen gibt, auch weltweit, die eine gewisse Art von Salzsensitivität haben, das heißt, ihr Blutdruck steigt, wegen des Kochsalzkonsums.
 
Bei diesen Patienten und Patientinnen ist es viel schwieriger mit normalen Blutdruckmedikamenten den Blutdruck zu senken. Eine deutliche Reduktion des Kochsalzkonsums kann aber umgekehrt auch bei diesen Patienten dazu führen, dass die Blutdruckmedikamente besser wirken. Allerdings muss man sagen, dass in den meisten Industrieländern und eben auch China, der tägliche Kochsalzkonsum der Menschen viel zu hoch ist.

Wo liegt denn die Grenze beim Kochsalz?
 
Es gibt die "6 g-Regel", das heißt, man sollte nicht mehr als sechs Gramm Kochsalz am Tag zu sich nehmen; das ist ein Teelöffel. Nur, das bekommt fast niemand im Alltag hin, weil es auch sehr aufwändig ist, das so genau zu messen.
Womit schon viel gewonnen ist, ist wenn man nicht nachsalzt und keine Fertigprodukte isst; dann meidet man schon die größten Salzquellen.

Man muss sagen, dass viele Patienten an Kochsalz gewöhnt sind und in dem Moment, wo sie Salz weglassen, haben sie das Gefühl, dass Essen würde fad schmecken. Greift man an der Stelle auf Sojasauce oder andere Würzsaucen zurück, so ist das keine Lösung, weil auch darin sehr viel Kochsalz enthalten ist. Eine gute Alternative sind dagegen frische Kräuter.
 
Manche denken auch, dass zum Beispiel Himalaya-Salz gesünder sei, als normales Kochsalz. Das ist aber nicht der Fall.
Es gibt kein gesundes oder krankheitsförderndes Salz. Kochsalz bleibt letztendlich immer Kochsalz.

Den Salzalternativen wird zu etwa einem Viertel Kaliumchlorid zugefügt. Wie wirkt sich das auf den Blutdruck aus?
 
Eine höhere Kaliummenge im Körper führt dazu, dass der Blutdruck sinkt. Wir wissen auch, dass ein hoher Kaliumspiegel im Blut die Entstehung von Diabetes verhindern kann. Und zwar, indem es dafür sorgt, dass das Insulin wieder leichter in die Zellen transportiert werden kann - die so genannte Insulinresistenz also abnimmt.
 
Der Einfluss auf den Blutdruck entsteht dadurch, dass Natrium und Kaliumchlorid im Körper in einer Art Wechselbeziehung stehen. Je mehr Kalium dem Körper zur Verfügung steht, desto weniger Natrium muss er "ersetzen" und das erzeugt den blutdrucksenkenden Effekt.

Salz und Blutdruck

Auch wenn zu viel Salz ungesund ist - zu wenig ist es auch:
Mindestens 1,4 Gramm Kochsalz braucht der Mensch am Tag, um den Verlust auszugleichen, der über den Schweiß und den Urin stattfindet. Ohne Natriumchlorid, wie der Mineralstoff auch genannt wird, können Muskeln und Nerven nicht arbeiten. Salz spielt zudem eine wichtige Rolle beim Knochenaufbau und der Verdauung.

 

Doch zu viel Salzkonsum lässt den Blutdruck ansteigen. Das geschieht zum einen, weil Salz Wasser im Körper bindet und dadurch, dass es das Flüssigkeitsvolumen erhöht. Und: Desto mehr Flüssigkeit im Körper ist, umso größer ist der Druck auf die Gefäße.

 

Ein anderer Zusammenhang wurde erst vor wenigen Jahren von einer Forschungsgruppe um Dr. Nicola Wilck am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin entdeckt:
Kochsalz verändert die Zusammensetzung der Gesamtheit der Darmbakterien, des so genannten Mikrobioms. Es reduziert die Menge an Lactobazillen und erhöht gleichzeitig die Menge an bestimmten Immunzellen, den Th-17 Helferzellen im Blut.
Diese können zu einem zu erhöhtem Blutdruck, sowie Entzündungen und bestimmten Autoimmunerkrankungen, wie Multiple Sklerose, führen.

Würden solche Studien wie die, die in China durchgeführt worden sind, die Akzeptanz von Salzalternativen in Deutschland vielleicht verbessern?
 
In Europa ist es schwierig, solche Studien durchzuführen, weil solche Salzalternativen nicht als Medikamente gelten.
Sie bräuchten dann einen Hersteller, der trotzdem das Geld in die Hand nimmt, um solche Studien zu finanzieren und das tut niemand.

Empfehlen Sie Ihren Patienten und Patientinnen denn solche Salzalternativen?
 
Ja, das habe ich des öfteren gemacht.
 
Es gibt aber auch noch andere Strategien, wie man seinen Kochsalzkonsum reduzieren kann. Das ist - neben dem Verzicht auf Fertignahrungsmittel, Wurstwaren, Käse und Brot - ein so genannter Obst-Reis-Tag.
Reis enthält so gut wie kein Kochsalz, das gilt auch für Obst. Wenn man sich einen Tag nur von (ohne Salz) gekochtem Reis und Obst ernährt, dann hat das eine enorme salztreibende Wirkung, das heißt: Man verliert mit einem Mal wirklich viel Salz.

Herr Prof. van der Giet, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ursula Stamm

Die chinesische Studie

Eine Studie, die von April 2014 bis Januar 2015 in China durchgeführt wurde, hat untersucht, ob eine Alternative zu normalem Kochsalz das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen senken kann.

 

Dazu wurden 21.000 Erwachsenen aus 600 chinesischen Dörfern fünf Jahre lang nachbeobachtet. Die Teilnehmenden waren entweder über 60 Jahre alt und hatten einen schlecht eingestellten Bluthochdruck oder sie hatten schon mal einen Schlaganfall erlitten.
Eine Gruppe nutzte normales Kochsalz zum Kochen; die andere bekam eine Alternative zur Verfügung gestellt, die etwa 1,5x teurer ist und sich geschmacklich nicht wesentlich von normalem Kochsalz unterscheidet.

 

Diese Salzalternative enthält weniger Natriumchlorid (75%) und mehr Kalium (25%); eine Kombination, von der man weiß, dass sie sich positiv auf das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt auswirkt.

 

Ergebnis: Nach fünf Jahren hatten 3.000 Menschen einen Schlaganfall erlitten. Diejenigen, die die Salzalternative genutzt hatten, hatten einen um durchschnittlich 7 mmHg niedrigeren systolischen Blutdruckwert. Und was noch viel ausschlaggebender ist: Ihr Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, war um 14 Prozent verringert, das Risiko für einen Herzinfarkt um 13 Prozent und das Risiko frühzeitig zu versterben um 12 Prozent.
Da auch in China zu viel Kochsalz konsumiert wird, sei diese Salzalternative ein gute Möglichkeit, gesünder zu leben, ohne bestehende Ernährungsgewohnheiten verändern zu müssen, sagt der Co-Autor der Studie, Prof. Yangfeng Wu vom Peking University Clinical Research Institute.

 

Auch eine andere Studie aus China, in der 1.600 Menschen aus 48 Pflegeeinrichtungen zwei Jahre lang mit einer Salzalternative ernährt wurden, zeigt positive Effekte auf das Risiko, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden.

 

Ergebnis dieser Studie: Die Reduktion von Kochsalz hatte keinen Effekt, dafür aber der Einsatz der Salzalternative. Durch letztere konnte der systolische Blutdruckwert im Durchschnitt um 7 mmHg abgesenkt werden, der diastolische um zwei mmHg. Das relative Risiko für ein schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis konnte in der Salzersatzgruppe um 40 Prozent gesenkt werden.

 

Referenz: Wu Y. Impact of salt substitute and stepwise reduction of salt supply on blood pressure in residents in senior residential facilities: Main results of the DECIDE-Salt trial. Late-breaking trials in hypertension. ESC Congress 2021, 27–30 August.

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