Mann mit Post-Its auf Kopf und Körper lehnt an Wandecke (Bild: unsplash/Luis Villasmil)
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Interview l Wie Dauerstress Körper & Psyche schädigt - "Wer Dauerstress hat, muss die Frage des Lebens beantworten"

Jeder hat mal Stress - das ist an sich nicht schlimm. In manchen Situationen kann er uns sogar aufmerksam machen und helfen. Problematisch wird es allerdings, wenn Menschen unter Dauerstress leiden. Was dann im Gehirn passiert und welche Folgen Dauerstress für Körper und Psyche hat, haben wir den Neuroendokrinologen und Autoren Prof. Dr. Achim Peters gefragt.

Prof. Dr. Peters, wie ist Stress überhaupt definiert?
 
Wenn die Umwelt sich ändert und bedrohlich wird, stellen sich alle Menschen eine Frage: Welche meiner Strategien soll ich auswählen, um mein zukünftiges körperliches, mentales und soziales Wohlbefinden sicherzustellen? Wer diese Frage nicht sicher beantworten kann, der hat Stress.

Also zum Beispiel wenn jemand einen Konflikt auf der Arbeit hat. Nehmen wir mal an, die eine Variante ist, dass er bleibt, dann aber ewig gemobbt wird. Die andere Variante ist, dass er arbeitslos ist. Beides ist gleichermaßen schlecht.
Das bedeutet, wenn man bei zwei Strategien nur zwei schlechte Aussichten hat, hat man Stress. Das Gehirn muss mit so einer Unsicherheit erst mal umgehen. Wenn es, wie in diesem Fall keine beste Strategie gibt, schaltet das Gehirn ein Unsicherheitsbeseitigungsprogramm an. Kristallisiert sich dadurch eine beste Strategie deutlich heraus, kann die Unsicherheit wieder aufgelöst werden.

Wie sieht dieses Unsicherheitsbeseitigungsprogramm aus?
 
Dieses Unsicherheitsbeseitigungsprogramm hat drei Unterprogramme:
 
• Das erste geht so, dass im Hirnstamm ein Zentrum aktiviert wird, was uns hellwach macht. Vom Hirnstamm gehen Nervenprojektionen in die gesamte Hirnrinde und setzten den Botenstoff Noradrenalin frei. Das führt dazu, dass an den Synapsen mehr Information pro Sekunde übertragen wird.
Das Gehirn geht sozusagen in einen Turbomodus. Diese Information ist dazu da, die Unsicherheit zu reduzieren. Für dieses Mehr an Informationen braucht das Gehirn mehr Energie.
 
• Das zweite Unterprogramm ist dafür da, dem Gehirn aus dem Körper diese Energie zu beschaffen. Es wird das sympathische Nervensystem aktiviert, das unterdrückt im Pankreas die Insulinsekretion und somit wird der Zucker nicht im Körper gespeichert (was Insulin braucht), sondern steht dem Gehirn zur Verfügung (was kein Insulin braucht).
 
• Im dritten Unterprogramm geht’s darum zu lernen, ob die Strategie, die man gerade ausgewählt hat, erfolgreich war oder nicht.
Im Stress wird Cortisol aus den Nebennieren in das Blut ausgeschüttet. Bleibt das Cortisol hoch, wenn man abends ins Bett geht, dann zeigt das an, dass die Unsicherheit noch nicht aufgelöst ist. Das bedeutet, die Strategie war nicht hilfreich. Hatte man tagsüber Stress und hat eine Lösung gefunden, geht das Cortisol runter. Dann weiß das Gehirn, dass es eine erfolgreiche Strategie war und diese wird abgespeichert.
 
Dieses Stressbeseitigungsprogramm ist erst mal etwas Gutes. Wenn diese Mechanismen funktionieren, nennt man das in der Stressforschung guten Stress. Es gibt kurze Episoden von Unsicherheit, dann beruhigt man sich, schläft wie ein Held.
Menschen mit gutem Stress haben ein gutes Selbstwertgefühl.

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Was passiert, wenn keine Lösungen gefunden werden und der Stress bleibt?
 
Das bezeichnet man als toxischen Stress. Wenn auf die Frage des Lebens, also welche Strategie soll ich aussuchen, um mein Wohlbefinden zu sichern, wenn darauf keine Antwort gefunden werden kann, dann ist das Gehirn dauernd in dem Turbomodus.
 
Betroffene sind dann überwach und das auch nachts. Denn das Gehirn sucht Tag und Nacht eine Lösung. Geht das über einen langen Zeitraum, kann das in einer Depression enden. Diese geht mit gedrückter Stimmung einher, aber auch mit einer Starre, weil der Betroffene sich nicht entscheiden kann. Diese Menschen sind wie festgefahren und ziehen sich oft aus sozialen Situationen zurück.

Die Konsequenzen beziehen sich nicht nur auf das Gehirn, sondern auf den ganzen Körper: Wenn das Gehirn immer wieder viel Energie braucht, dann gibt es den Befehl an das Herz, dass es schneller schlagen soll. Wenn das über Jahre geht, wird das Blut jahrelang zu schnell durch den Gefäßbaum gepresst. An den Stellen, wo die Gefäße sich gabeln, entsteht Atherosklerose. Ist diese am Herzen, entsteht ein Herzinfarkt, wenn es am Gehirn ist, ein Schlaganfall.
 
Ein weiteres Phänomen ist, dass Menschen, die Dauerstress haben, an Gewicht verlieren. Denn wenn die Energiespeicher verschlossen sind, weil das Gehirn die Energie benötigt, kann nichts abgespeichert werden.

Verändert sich bei Dauerstress das Gehirn?
 
Ja, das konnte man in Tierversuchen sehen. Schaut man sich den präfrontalen Kortex an und in der Hirnrinde die großen Nervenzellen und deren Empfangsantennen, die Dendriten - die sehen [normalerweise] aus wie Bäumchen mit Ästen.
 
Bei Menschen mit Dauerstress verlieren sie diese Äste. Diese können aber wieder wachsen, wenn der Stress aufhört.

Woran erkenne ich Dauerstress?
 
Eine einfache Möglichkeit ist es, den Bauchumfang zu messen. Wenn der Bauch wächst, ist das ein Zeichen für Dauerstress. Ich hatte schon gesagt, dass der Fettanteil bei Dauerstress sinkt, es gibt aber eine Ausnahme: Das viszerale Fett wächst unter dem Einfluss von Cortisol. Das äußere, subkutane Fett, zum Beispiel an Armen und Beinen nimmt ab.
 
Das Gehirn legt sich sozusagen einen Energiespeicher im Bauchfett an und kann darauf zugreifen, um Energie zu bekommen. Wenn man Bauchfett bei jemanden sieht, hat er wahrscheinlich über viele Jahre Dauerstress hinter sich.

Was kann man gegen Dauerstress machen?
 
Die Frage des Lebens beantworten. Da führt kein anderer Weg daran vorbei. Jeder muss für sich die Frage beantworten: Was kann man tun, um sein zukünftiges Wohlbefinden zu sichern?
 
Dazu braucht es Informationen und wenn man die selbst nicht findet, dann braucht man Hilfe, zum Beispiel durch einen Psychologen und Psychiater. Sind die hilfreich, können alte Konflikte aufgearbeitet werden. Alles andere wären sekundäre Lösungen, die mit Nachteilen behaftet sind.

Das wird, je nach sozialer Schicht und Hilfesystem, unterschiedlich gut gelingen. Wie ist da Ihre Erfahrung?
 
Wer eine höhere Bildung hat, lernt auch soziale Strategien, in schwierigen Situationen besser zu navigieren. Somit ist der Dauerstress in bildungsfernen Schichten höher.

Gibt es Menschen, die einen Weg gefunden haben, Stress auszuhalten, und dabei ganz ruhig erscheinen?
 
Ja, es gibt die Möglichkeit, sich an Stress zu gewöhnen, das nennt man Habituation. Wenn zum Beispiel der Chef einem einen Stapel Akten auf den Tisch haut und sagt: "Morgen bist Du fertig!", dann regt sich der Habituierer beim ersten Mal noch auf, beim zweiten Mal nicht mehr.
Der Blutdruck steigt nicht an, das Cortisol steigt nicht an, und derjenige bleibt cool. Da hat das Gehirn gelernt, dass man so eine Situation überleben kann.

Das geht einher damit, dass Menschen ihre Zielvorstellungen verbreitern. Zustände, die vorher inakzeptabel waren, werden durch die Habituation tolerabel. Somit sind Habituierer vor toxischem Stress geschützt.
Sie haben aber einen anderen Nachteil: Sie werden am ganzen Körper dick. Das entsteht dadurch, dass Gehirn nichts abfordert, weil es auch keinen Stress gibt, der zum normalen Leben dazugehört. So wie die Regale voll bleiben, wenn die Kunden nicht kaufen, staut sich die Energie im Körper, wenn das Gehirn weniger anfordert.

Prof. Dr. Peters, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Laura Will

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