Frau liegt auf einem Bett (Bild: unsplash/Corina Rainer)
Bild: unsplash/Corina Rainer

Erkennen, behandeln, helfen - Raus aus der Depression: Endlich wieder leben

Die Corona-Krise bringt uns an unsere Grenzen. Besonders belastend kann sie für Menschen mit Depressionen sein. Die sozialen Einschränkungen, damit verbundene Ängste sowie mangelnde Therapieplätze können die Erkrankung verstärken und mitunter regelrechte psychische Krisen auslösen. Doch es gibt wirksame Möglichkeiten zum Gegenzusteuern.

Aktuellen Daten des Robert Koch-Instituts zufolge ist die Depression die dritthäufigste psychische Störung, nach Angst- und Alkoholerkrankungen. Etwa acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben eine Depression; 17 Prozent zeigen mindestens einmal im Lauf ihres Lebens Anzeichen der Erkrankung - quer durch alle Altersgruppen.

Die Zahl der Betroffenen wird in Zukunft wohl noch zunehmen: Ab dem Jahr 2030, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wird die Depression das häufigste Leiden weltweit sein - noch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs.
 
Die Heilungschancen sind gut, Medikamente und Psychotherapie wirken bei vielen Patienten. Jeder zweite erlebt nach einer Behandlung keine weitere depressive Episode. Doch noch bekommen längst nicht alle Betroffenen eine angemessene Therapie.

Was ist eine Depression?

Als klassische Symptome einer Depression gelten mangelnder Antrieb und fehlende Lebensfreude. Auch Schlafprobleme, starke Selbstzweifel und Grübelattacken können auf die seelische Erkrankung hinweisen. Nicht selten drückt sich das seelische Leid einer Depression in Form körperlicher Beschwerden aus. So verstecken sich Depressionen häufig hinter Diagnosen wie Rückenschmerz, Tinnitus oder Drehschwindel.
 
Männer kompensieren die negativen Gefühle oftmals mit Alkohol, sozialem Rückzug oder aggressivem Verhalten. Häufig treten Betroffene in Situationen geradezu feindselig auf, wirken unkontrolliert und neigen dazu, die Schuld an äußeren Umständen und bei anderen Personen zu suchen.

Wie erkenne ich, dass ich oder Angehörige eine Depression habe(n)?

Zahlreiche Symptome können auf eine Depression hinweisen und sollten von einer Ärztin oder einem Therapeuten abgeklärt werden:
 
• niedergedrückte Stimmung über zwei Wochen und länger 

• Verlust von Antrieb, Interesse und Fähigkeit, sich über Dinge zu freuen 

• Appetitlosigkeit, Leistungsminderung, Schlafstörungen 

• Neigung, bestehende Probleme und Krankheiten stärker und bedrohlicher wahrzunehmen 

• Gereiztheit, Ärger, erhöhte Aggressivität (vor allem bei Männern) 

• sozialer Rückzug und Lebensmüdigkeit 

• Denken und Sprechen werden als "gebremst" oder "blockiert" wahrgenommen 

• Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, die Ähnlichkeiten mit einer Demenz aufweisen (depressive Pseudodemenz) 

 
Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest an, der hilft, die Situation besser einzuschätzen (siehe Links). Wirklich diagnostizieren kann die Erkrankung nur ein Facharzt oder Psychologe.

Welche Therapieformen gibt es?

Medikamente und die kognitive Verhaltenstherapie sind die beiden wichtigsten Säulen der Behandlung. Die Psychotherapie ist eine auf Wochen oder Monate angelegte Gesprächstherapie. In der Verhaltenstherapie geht es darum, Einstellungen zum Leben, das Verhalten des Patienten in bestimmten Situationen und den Umgang mit Problemen und Schwierigkeiten zu ändern.
 
Psychoanalyse und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie schaffen eine Verbindung zwischen aktuellen Reaktionen, Gefühlen und Erlebnissen mit Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Auch Kurzzeitbehandlungen wie die Interpersonelle Therapie haben sich bei Depressionen als hilfreich erwiesen.

Wie wirken Antidepressiva?

Antidepressiva gleichen den Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn aus, der als Ursache für die typische Antriebslosigkeit depressiver Patienten und Patientinnen gilt. Zur Auswahl stehen verschiedene Klassen von Medikamenten:
• tri- und tetrazyklische Antidepressiva,
• Monoaminoxidase-Inhibitoren
• selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).

Therapien & Hilfe gegen Depression

RSS-Feed
  • Mann mit Schlafproblem sitzt auf Bett (Quelle: Colourbox)
    Colourbox

    Interview | App gegen Schlafstörungen bei Depressionen 

    Depression: Weniger Schlaf ist mehr

    Menschen mit Depressionen leiden oft unter Schlafstörungen. Die scheinbar paradoxe Behandlung: weniger Schlaf. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat eine Smartphone-App entwickelt, die Patienten dabei helfen soll. Wir haben mit Prof. Ulrich Hegerl darüber gesprochen, Psychiater und Vorstandsvorsitzender besagter Stiftung.

  • Mann auf Wiese hält Kopf in den Händen (Bild: unsplash/Francisco Gonzalez)
    unsplash/Francisco Gonzalez

    Interview l Hilfe bei Depression 

    Psychisch Kranke stärken: "Mein Beispiel zeigt, dass es gehen kann"

    Wer in Deutschland ambulante psychotherapeutische Hilfe sucht, wartet derzeit durchschnittlich 24 Wochen auf einen Therapieplatz. Fast ein halbes Jahr. Zu lange, findet Annegret Corsing. Sie hat mit dem sozialen Unternehmen "die erfahrungsexpert*innen" ein Hilfsangebot entwickelt, das diese Wartezeit überbrücken will. rbb Praxis-Autorin Ursula Stamm hat mir ihr gesprochen.

  • Frau mit über dem Gesicht zusammen geschlagenen Händen sitzt an einem Tisch (Bild: imago images/photothek)
    www.imago-images.de
    4 min

    Psychische Störungen zu Hause behandeln

    Psychische Krise bedeutete oft: Hilfe? Nur in der Psychiatrie. Heute bieten Regionen Alternativen: Psychiatrische Teams behandeln zuhause. Die Erfahrung offenbart Vorteile.

  • 3D-Grafik Nervenaktivität im Gehirn (Bild: imago images/Science Photo Library)
    imago images/Science Photo Library

    Darmgesundheit & Psyche 

    (Wie) Kann Ernährung gegen Depressionen helfen?

    Schützt eine vollwertige, pflanzenbasierte Ernährung vor Depression? Forscher vermuten schon lange, dass Ernährung und Immunsystem bei der Erkrankung entscheidende Rollen spielen. rbb Praxis hat einen Blick auf aktuelle Studien geworfen und das Wichtigste für Sie zusammengefasst.

  • Frau tröstet Mann (Bild: Colourbox)
    Colourbox

    Tipps für Angehörige 

    Hilflosigkeit bei Männerdepression

    Angehörige von depressiv Kranken wissen häufig nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Wer noch keine Erfahrung mit einer psychischen Erkrankung gemacht hat, ist schnell rat- und hilflos. Je länger eine depressive Episode andauert, umso schwieriger kann es auch für den Angehörigen sein, richtig zu reagieren.

  • Frau reckt vor untergehender Sonne Arme in die Luft (Bild: imago images/Panthermedia)
    imago images/Panthermedia

    Was die Seele stark macht 

    Resilienz stärken: Gesund bleiben trotz Stress

    Stress, Zeitdruck, Schicksalsschläge - Belastungen im Alltag sind vielfältig und gehören zum Leben. Woran manche lange knabbern, meistern andere unbeschadet. Die Wissenschaft nennt das: Resilienz. Die Fähigkeit und seelische Kraft, mit Krisen und stressigen Zeiten umzugehen - und das kann man lernen. Die rbb-Praxis hat Tipps zusammengestellt, mit denen Sie gelassen durch den Alltag kommen.

  • Frau mit geschlossenen Augen im Wald (Quelle: imago /Westend61)
    imago /Westend61

    Achtsamkeit ist nicht die Lösung für alles  

    Achtsamkeit: Was kann dieser Trend, was nicht?

    Achtsamkeit für Mamas, Achtsamkeit für Manager, Achtsamkeit für Sportler – die Achtsamkeitspraxis erlebt seit einiger Zeit einen Boom. Ursprünglich spielte die Achtsamkeit in der buddhistischen Lehre und Meditation eine zentrale Rolle. Das Ziel: Im Hier und jetzt verankert sein. Warum viele Menschen heutzutage Achtsamkeit praktizieren und ob diese Technik genutzt werden kann, Probleme zu verdrängen, erklärt die rbb-Praxis.

Problematisch ist, dass Ärzte nicht vorhersagen können, ob eine Paatientin oder ein Patient auf ein bestimmtes Mittel anspricht. Teilweise dauert es einige Wochen, bis die Medikamente wirken. Das kann teilweise ziemlich frustrierend sein und führt dazu, dass Betroffene mitunter ihre Medikation vorzeitig beenden.
Doch auch wenn es mit der medikamentösen Therapie nicht auf Anhieb klappt - dranbleiben lohnt sich. Schlägt die Behandlung an, bessern sich nicht nur Niedergeschlagenheit und gedrückte Stimmung, sondern oft auch andere, körperliche Symptome.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, außer Medikamenten und Psychotherapie?

Mittlerweile kennen Ärzte und Therapeutinnen viele weitere Therapiemöglichkeiten bei Depression. Jede Depression ist anders. Daher lohnt es sich auch nach einer jahrelangen Behandlung immer wieder neue Therapien auszuprobieren.
 
Einige Patienten profitieren beispielsweise von der Lichttherapie. Sie verhindert, dass das Gehirn das Schlafhormon Melatonin produziert. Das Hormon scheint eine depressionsfördernde Wirkung zu haben. Auch Schlafentzug ist eine etablierte Behandlungsform der Depression, die viele Kliniken anbieten:
Die Patienten bleiben eine ganze Nacht oder die zweite Nachthälfte wach und sollen auch den nächsten Tag über nicht schlafen. Die Wachtherapie verhindert vor allem die frühmorgendlichen Grübeleien.
 
Als wirksam hat sich auch Bewegung und körperliche Aktivität erwiesen, insbesondere an der frischen Luft. Bewegung macht müde und wirkt der hohen Wachheit bei Depressiven entgegen.

Was tun, wenn ich so schnell keinen Therapieplatz bekomme?

Jeder, der das Gefühl hat, er könnte unter Depressionen leiden, sollte sich sofort zum Hausarzt, Psychiaterin oder Psychotherapeuten aufmachen und das prüfen lassen. Die Therapeutinnen und Kliniken haben auch in der Corona-Krise Kapazitäten.
 
Auf der Suche nach Hilfe nutzen gerade in der Pandemie aber auch immer mehr Menschen das Internet. Online-Therapie von Psychotherapeuten und standardisierte Online-Programme werden neben der klassischen Psychotherapie immer wichtiger. Quasi nebenbei hat die Pandemie dazu geführt, dass telemedizinische Angebote und Video-Sprechstunden ausgebaut wurden.
Einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer zufolge haben mittlerweile neun von zehn Therapeutinnen Erfahrungen mit Online-Therapie. Deren Wirksamkeit ist bei vielen Indikationen, einschließlich der Depression, genauso gut wie eine Face-to-Face-Therapie. Die Kassen übernehmen die Online-Sprechstunden, wenn Therapeutinnen und Theraapeuten einen Kassensitz haben oder auf Antrag nach dem Kostenerstattungsverfahren.
 
Wer vor Ort keinen Therapeuten findet, kann über spezielle Apps und Plattformen wie Minddoc suchen, die Therapeuten bundesweit vermittelt. Behandlungsschwerpunkte bei Minddoc sind Depressionen, Essstörungen, Tinnitus sowie Angst- und Zwangserkrankungen. Die Therapie erfolgt über eine verschlüsselte Therapieplattform. Die Patientinnen und Patienten profitieren von deutlich kürzeren Wartezeiten, dem einfacheren Zugang zu Spezialisten und dem Ausgleich des Stadt-Land-Gefälles in der Versorgung.
Eine App ergänzt das Angebot: Hier können Patientinnen beispielsweise ihre Befindlichkeiten festhalten, Entspannungsübungen ausprobieren oder den Therapeuten außerhalb der Therapie kontaktieren.

Wie sinnvoll sind Online-Selbsthilfe-Programme?

Um die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken bieten vor allem Krankenkassen Online-Selbsthilfe-Programme an. Depressionscoach heißt das Programm bei der Techniker Krankenkasse, HelloBetter bei der Barmer Ersatzkasse oder Moodgym bei der AOK.
 
Für die Versicherten der jeweiligen Kasse sind die Programme kostenlos. Die Teilnehmer erhalten in einem modular aufgebauten Programm Erklärungen, Motivation und Übungen. Die Barmer Ersatzkasse bietet mit HelloBetter ein Online-Training an, das nachweislich Depressionen verhindern kann. Das Programm ist ein Mix aus Informationen über die Krankheit, Übungen zum Umgang mit negativen Gedanken und dem Austausch mit einem Psychologen per E-Mail. Teilnehmer schliefen besser, kamen besser mit Grübelzwängen zurecht, konnten Gedanken stoppen und ihren Alltag besser bewältigen.
 
Auch beim Online-Tool der Stiftung Deutsche Depressionshilfe iFight Depression gehört eine professionelle Begleitung dazu: Das Programm kann nur durch eine Ärztin oder einen Therapeuten initiiert werden.
 
Für schwere Depressionen sind die meisten Selbsthilfe-Angebote nicht gedacht. Weder ersetzen sie Diagnose noch Behandlung durch den Facharzt oder die Psychotherapeutin.

Zum Weiterlesen

Symbolbild: Gesunde Ermährung bei Diabetes (Quelle: Colourbox)
Colourbox

Diabetes Typ 2 – Wege aus der Zuckerkrankheit

Wer an Diabetes erkrankt ist, braucht umfassende Beratung, nicht nur, um seine Zuckerwerte zu senken. Auch Folgeprobleme an den Augen oder den Füßen müssen am besten verhindert, zumindest aber rechtzeitig therapiert werden. Welche Fortschritte es in der Behandlung gibt und was Diabetiker selbst tun können.

Mann mit Diabetes checkt im Sessel seinen Blutzucker (Bild: imago/Panthermedia)
imago/Panthermedia

Körper & Psyche im Teufelskreis des Stoffwechsels - Gefährliches Zusammenspiel: Diabetes und Depression

In Deutschland leiden laut Deutscher Diabeteshilfe knapp 7 Millionen Menschen unter dieser Störung des Stoffwechsels, über 90 Prozent davon unter dem "Typ 2", der sich erst im Lauf des Lebens entwickelt. Die Erkrankung kann den Körper massiv schädigen, z.B. an den Nieren, Nerven, Augen oder Füßen. Weniger bekannt ist: Diabetiker haben auch ein etwa doppelt so hohes Risiko an Depressionen zu erkranken. Ein massives Problem, denn gerade bei Diabetes hängen Therapieerfolge stark vom aktiven Patienten ab.

Älterer Herr stützt seinen Kopf auf seine Hand (Quelle: Colourbox)
Colourbox

Interview | Aufklärung ist wichtig - Depressionen im Alter häufig übersehen

Wer im Alter an einer Depression erkrankt, hat schlechtere Chancen, dass diese psychische Erkrankung erkannt und gut behandelt wird als Jüngere. Das ist das Ergebnis des dritten "Deutschland-Barometers Depression", das gerade erst veröffentlicht wurde. Warum das so ist und was dagegen getan werden kann, darüber sprach rbb Praxis mit Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Subjektive von Mann in Hängematte mit Hund davor (Bild: unsplash/Drew Coffman)
unsplash/Drew Coffman

Auszeit für Körper & Geist - Urlaub zu Hause - so geht "Abschalten"

Die Urlaubsreise fällt in Pandemiezeiten flach und das Zuhause muss gerade alles sein: Büro, Kita, Klassenzimmer und Restaurant. Entspannung? Keine Spur. Doch genau die ist wichtig, um gesund zu bleiben. Und es klappt mit der Erholung zu Hause - wenn man ein paar Dinge beachtet ...