Tabletten neben einem Wasserglas (Quelle: imago/emil umdorf)
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ASS kein harmloses Vorsorgemedikament - 'ASS ist ein zweischneidiges Schwert'

ASS kommt nicht nur als Schmerzmittel zum Einsatz – in niedriger Dosierung von 100 Milligramm kann kann es auch Herzinfarkte verhindern. Dennoch sollte es nicht jeder wahllos schlucken.

Die Nachricht könnte für den uralten Wirkstoff einen herben Rückschlag bedeuten: Acetylsalicylsäure (ASS), vielen besser bekannt als Wirkstoff im Schmerzmittel Aspirin, verhindert selbst bei Menschen über 70 Jahre Herzinfarkte nur ungenügend. Dafür verursacht es mehr Blutungen. Zwei australische Forscher, John McNeil und Robyn Woods von der Monash University, hatten für ihre Studie über 19.000 Herzgesunde begleitet, die im Schnitt 74 Jahre alt waren.

Die eine Hälfte bekam ein Scheinmedikament, die andere 100 Milligramm ASS. Nach knapp fünf Jahren brachen die Forscher die Studie vorzeitig ab. Das Risiko für Gesunde mit Aspirin zu sterben sei höher als ohne, erklärten die beiden ihre Entscheidung. Mit 8,6 Ereignissen pro 1000 Patientenjahre lag die Rate schwerer Blutungen deutlich über den 6,2 von denen, die Placebo geschluckt hatten. Bei den kardiovaskulären Ereignissen unterschieden sich die beiden Gruppen lediglich um 0,6 Ereignisse pro 1000 Patientenjahre.

ASS hemmt die Blutplättchen

Die Wirkweise von ASS ist Fluch und Segen zugleich. Abhängig von der geschluckten Menge bremst ASS die beiden Enzyme Cycloxygenase-1 (Cox-1) und Cox-2. Als Minidosis bis zu 100 Milligramm wirkt es über Cox-1 gerinnungshemmend: Es verhindert, dass Blutplättchen aneinander kleben – jene Zellen also, die bei der Blutgerinnung eine zentrale Rolle spielen. "ASS funktioniert wie eine Art Schmierstoff, die Blutplättchen umschwimmen Hindernisse dadurch geschmeidiger", erklärt Christian Firschke. Der Kardiologe leitet die Innere Medizin der Klinik Medical Park St. Hubertus in Bad Wiessee und arbeitet am Herzzentrum München. Diese "Antikleb"-Wirkung ist durchaus gewollt, wenn es darum geht, Herzinfarkte zu verhindern. Bei einer Arteriosklerose der Herzkranzgefäße neigen Blutplättchen dazu, an entzündeten und ohnehin verdickten Gefäßstellen kleben zu bleiben, so dass die Gefäße nach und nach verstopfen. ASS verhindert das.

Vermehrte Blutungen

Aber der Wirkstoff sorgt eben auch für häufigere Blutungen. Auch dafür ist die gerinnungshemmende Wirkung verantwortlich. Normalerweise heften sich an frische Wunden aktivierte Blutplättchen. Sie vernetzen sich mithilfe von Fibrinfäden und bilden einen Blutpfropf, der die Wunde abdichtet. Doch ohne klebende Blutplättchen kein Pfropf. Die Wirkung sei dosisabhängig, erklärt Firschke. "Je länger jemand ASS einnimmt, umso größer ist die Gefahr für ihn zu bluten." Schwere Blutungen sind nicht die einzige Nebenwirkung von ASS. Der Wirkstoff aus der Weidenrinde erhöht auch das Risiko für Geschwüre der Magenschleimhaut, schwere Blutungen in Magen und Darm, verstärktes Nasenbluten und löst sogar Asthmaanfälle aus.

ASS ist nix für Herzgesunde

Die beiden Australier sind keineswegs die ersten, welche die vorsorgliche Einnahme von ASS in Frage stellen. "Herzgesunden Menschen nützt ASS nichts, es birgt mehr Risiken als Vorteile", bestätigt Kardiologe Firschke. "Das zeigen die meisten großen und ernstzunehmenden Studien." Erst im vergangenen Jahr war eine Übersichtsarbeit erschienen, die sechs ASS-Studien aus den Jahren 2009 bis 2016 zusammenfasste. Auch hier: keine Vorteile bei den Herzereignissen. Dafür stieg das Risiko für Magen-Darm-Blutungen um 60 Prozent. In einer Studie, die unter dem Namen "British Doctor’s Trial" bekannt wurde, hatten Wissenschaftler 5.000 britische Ärzte über sechs Jahre lang begleitet, darunter auch solche, die ASS 100 einnahmen. Die erlitten zwar deutlich weniger Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Doch Hirnblutungen machten die Vorteile der Pillen null und nichtig.

Auch kein Nutzen bei Risikofaktoren

Die australische Studie von McNeil und Woods ging indes noch einen Schritt weiter: Die Teilnehmer waren allesamt nicht kerngesund. Drei Viertel litten unter Bluthochdruck, zwei Drittel hatten zu hohe Blutfette und ein Viertel kranke Nieren. Jeder zehnte war zuckerkrank. Zwei weitere Studien, die beim Jahrestreffen der Europäischen Kardiologen im August 2018 in München vorgestellt wurden, untersuchten ebenfalls Risikopatienten: ARRIVE schloss Teilnehmer ein, die rauchten, Bluthochdruck oder erhöhte Blutfette hatten. Und ASCEND untersuchte herzgesunde Diabetiker. Eine gute Idee, denn bislang waren Risikopatienten nicht explizit untersucht worden. "Alle drei Publikationen fokussieren auf Menschen mit Risikofaktoren für einen Herzinfarkt, bei denen man sich gut vorstellen kann, dass ASS wenigstens ihnen Vorteile bringt", sagt Firschke. Entsprechend groß war die Enttäuschung: In keiner der Studien boten die Pillen einen Extra-Herzschutz. Seitdem ist klar, dass ASS auch für Herzgesunde mit einem hohen Risiko für Herzgefäßerkrankungen keinen präventiven Vorteil hat.

 

Jahrtausendealter Wirkstoff

Lange Zeit hatten Ärzte ASS nur als Schmerzmittel verschrieben. Schon Hippokrates wusste um die gute Wirkung der Weidenrinde (Salix), die den Wirkstoff enthält: Seine Kollegen und er verwendeten den Rindenextrakt gegen Fieber und Schmerzen. Der Streit, wer als Erster den Wirkstoff Acetylsalicylsäure synthetisch herstellte, dauert bis heute an. Pharmariese Bayer ist überzeugt davon, dass das 1897 in seinen Laboratorien geschah. Seither ist Aspirin ein Blockbuster. Über 200 Millionen Euro hat Bayer allein im ersten Halbjahr 2018 damit umgesetzt. Knapp 500 Millionen waren es jeweils in den Jahren davor. Damit ist ASS das zweitstärkste rezeptfreie Produkt des Unternehmens. Weit über eine Billion Dosen haben Menschen bis heute geschluckt. 1977 schaffte es ASS sogar auf die Liste der unentbehrlichen Medikamente der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Zuletzt hatte ASS allerdings immer wieder enttäuscht. Anders als lange angenommen kann der Wirkstoff auch Krebs nicht verhindern – im Gegenteil: McNeil und seine Kollegen stellten fest, dass in der ASS-Gruppe mehr Menschen an Krebs gestorben waren als in der Placebogruppe.

Einnahme nach Herzinfarkt

Unangetastet bleibt Christian Firschke zufolge indes die sogenannte Sekundärprophylaxe: Menschen, die unter einer Arteriosklerose der Herzkranzgefäße leiden oder bereits einen Herzinfarkt hatten, sollen ASS 100 unbedingt weiterhin nehmen, sagt der Kardiologe. "In dieser Personengruppe wirkt ASS lebensverlängernd, indem es mehr Herzinfarkte verhindert als es Nebenwirkungen verursacht." Allerdings rüttelten Wissenschaftler zuletzt an der notwendigen Dosis. Bei einem Körpergewicht von mehr als 70 Kilogramm könnten die empfohlenen 100 Milligramm für die erwünschte Wirkung nicht ausreichen. "Zukünftige Studien müssen zeigen, wie hoch die richtige Dosierung ist", erklärt der Herzspezialist.

Besser Risikofaktoren ändern

Indes sorgt sich Firschke um die herzgesunden Menschen, die sich das Präparat einfach aus der Apotheke holen und ohne ärztliche Rücksprache schlucken. Aus den USA stammen Zahlen, dass 40 Prozent Menschen regelmäßig ASS zur Vorsorge einnehmen, etwa ein Fünftel von ihnen tut es ohne ärztlichen Rat. "ASS hat den Mythos des Alleskönners", sagt der Kardiologe. "Dabei ist es ein ernstzunehmendes Medikament und die Anwendung ein zweischneidiges Schwert." Statt ASS einzunehmen sollten sich Patienten lieber um ihre Risikofaktoren kümmern, empfiehlt der Mediziner. "Es macht mehr Sinn, aufs Gewicht zu achten, regelmäßig Sport zu treiben, die notwendigen Medikamente einzunehmen und das Rauchen aufzugeben."

Beitrag von Constanze Löffler

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