Frisch gebackenes Brot (Quelle: imago/Westend61)
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Diagnose und Therapie bei Glutenunverträglichkeit - Wenn Getreide krank macht

"Glutenfrei", "ohne Gluten", solche Hinweise finden sich auf immer mehr Lebensmitteln. Sie besagen, dass dieses Lebensmittel kein Klebereiweiß, das sogenannte Gluten enthält. Gegen diesen Stoff reagieren manche Menschen mit Unverträglichkeit, aber eben nicht alle, bei denen es ab und zu im Bauch zwickt. Wie wird eine Glutenunverträglichkeit diagnostiziert, und welche Lebensmittel sollte man dann besser meiden? 

Die Glutenunverträglichkeit wird auch Zöliakie oder Sprue genannt. Menschen, die darunter leiden vertragen kein KIebereiweiß - Gluten - welches in bestimmten Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel enthalten ist. Gluten führt bei ihnen zu einer Immunreaktion im Dünndarm. Die Darmschleimhaut entzündet sich und kann auch dauerhaft geschädigt werden, wenn fortwährend glutenhaltige Nahrungsmittel gegessen werden. Meidet man diese Lebensmittel, bildet sich die Entzündung im Dünndarm wieder zurück.

Die Zahlen zur Häufigkeit schwanken, was auch damit zu tun hat, dass nicht alle Betroffenen das Vollbild der Erkrankung aufweisen. Die Deutsche Gesellschaft für Zöliakie geht davon aus, dass jeder 100. Mensch in Deutschland betroffen ist, also rund ein Prozent. Etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung haben eine genetische Veranlagung für die Entstehung einer Glutenunverträglichkeit, doch nicht alle erkranken tatsächlich daran. Ohne diese Veranlagung kommt es allerdings nicht zur Ausprägung der Krankheit.

Nicht nur Durchfall und Bauchschmerzen

Die Symptome einer Glutenunverträglichkeit können sehr unterschiedlich sein. Typisch sind Bauchschmerzen, Blähungen und fettige Durchfälle. Aber auch allgemeine Symptome wie Kopfschmerzen und Müdigkeit können auftreten. Außerdem leiden manche Betroffene unter Mangelerscheinungen an Vitamin B12, Vitamin D, Kalzium oder Eisen. Die Entzündung der Dünndarmschleimhaut führt dazu, dass deren Ausstülpungen (Zotten), über die Nährstoffe aus der Nahrung aufgenommen werden, sich zurückbilden. Dadurch werden weniger Nährstoffe aufgenommen, was unter anderem zu Knochenschwund (Osteoporose), Eisenmangel und Blutarmut führen kann.

Eine Glutenunverträglichkeit bzw. Zöliakie ist bei Kindern oft leichter zu diagnostizieren, weil sie meistens unter den typischen Symptomen wie Durchfall, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust leiden, sobald sie getreidehaltige Nahrung bekommen. Je später im Leben die Krankheit auftritt, desto unspezifischer können die Beschwerden sein. So fehlen bei rund 40 Prozent der erwachsenen Betroffenen die typischen Magen-Darm-Beschwerden, was die Diagnose erschwert. Experten gehen davon aus, dass nur jede fünfte Zöliakie auch tatsächlich festgestellt wird und es eine hohe Dunkelziffer gibt.

Glutenunverträglichkeit - oder nicht?

Da es sich bei der Glutenunverträglichkeit um eine fehlgeleitete Immunreaktion des Körpers handelt, kann ein Antikörpertest erste Hinweise auf eine tatsächlich vorliegende Erkrankung geben. Im Blut zeigen sich dann Antikörper gegen bestimmte Enzyme oder Teile der Darmwand (HLA-DQ-2 und/oder DQ-8). Fällt dieser Test positiv aus, wird eine endoskopische Magenspiegelung durchgeführt, bei der Gewebeproben (Biopsien) der Dünndarmschleimhaut gewonnen werden. Unter dem Mikroskop zeigen sich dann oft die typischen Veränderungen der Schleimhaut, bei der die Darmzotten abgeflacht sind oder ganz fehlen.

Inzwischen bieten verschiedene Hersteller auch "Gluten-Selbsttests" an, die man in der Apotheke oder im Internet kaufen kann. Dabei muss man selbst einen Blutstropfen gewinnen und in ein Teströhrchen geben. Anhand eines Farbumschlags kann man dann nach wenigen Minuten ein Ergebnis ablesen. Experten raten allerdings von den Selbsttests ab, da sie zu ungenau sind. Selbst aufwändige Bluttests beim Arzt ergeben nicht immer ein eindeutiges Ergebnis, so dass Behauptungen der Hersteller von 100-prozentiger Sicherheit, keiner Prüfung standhalten.

Wenn es nicht entdeckt wird

Die Risiken einer unentdeckten Zöliakie bestehen vor allem in einer unzureichenden Nährstoffversorgung, die bei Kindern und Jugendlichen zu Entwicklungsstörungen, Kleinwuchs und einer verzögerten Pubertät führen kann. Darüber hinaus erhöht sich das Risiko für bestimmte Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Mellitus Typ 1 oder eine Autoimmunthyreoditis, eine entzündliche Veränderung der Schilddrüse. Selten kommt es bei älteren Erwachsenen auch zu bösartigen Lymphomen im Darm als Folge der lang anhaltenden chronischen Entzündung der Darmschleimhaut.

Leben mit einer Glutenunverträglichkeit

Erkrankt ein Mensch an Glutenunverträglichkeit, begleitet ihn das lebenslang. Bis heute gibt es keine heilende Therapie, Betroffene haben nur die Möglichkeit, sich glutenfrei zu ernähren. Gelingt das, gehen die Beschwerden in den meisten Fällen fast völlig zurück. Das Klebereiweiß Gluten kommt unter anderem in Weizen, Gerste, Roggen und älteren Getreidesorten wie Dinkel, Grünkern, Kamut, Emmer Einkorn und Hafer vor. Auf letzteres reagieren allerdings nicht alle Betroffenen. All diese Getreidesorten sind Bestandteil vieler Lebensmittel, natürlich von Brot, aber auch von Nudeln, Pizza, Bier, Malzkaffee, Kuchen und Müsli. Auch viele industriell hergestellte Produkte, einschließlich mancher Wurstwaren, können Gluten enthalten.

Seit 2005 müssen die Hersteller auf der Verpackung angeben, ob sich Gluten im Produkt befindet. Dabei muss der Begriff "Gluten" allerdings nicht explizit erwähnt sein, so dass man lernen muss, welche Inhaltsstoffe Gluten enthalten können. Gerade, wenn die Glutenunverträglichkeit frisch diagnostiziert worden ist, kann es Betroffenen schwer fallen, ihre Ernährung umzustellen. Je intensiver man sich aber mit der glutenfreien Ernährung beschäftigt, desto leichter fällt es. Zudem werden von der Lebensmittelindustrie inzwischen immer mehr Produkte angeboten, die glutenfrei sind. Zu denen greifen auch viele Verbraucher, die gar nicht unter einer Unverträglichkeit leiden, weil sie meinen, sich gesünder zu ernähren. Das ist bei gesunden Menschen allerdings nicht der Fall.

Schild, auf dem glutenfreies Essen angepriesen wird (Quelle: imago/Levine-Roberts)

Hilfe, Gluten!

In den letzten Jahren wird immer wieder berichtet, dass die Erkrankungszahlen steigen. Das trifft auch tatsächlich zu und hat zwei Ursachen. Zum einen ist die Krankheit bekannter geworden und wird daher auch häufiger diagnostiziert. Zum anderen haben sich die hygienischen Bedingungen verbessert, was dazu führt, dass der Darm - unser größtes Immunorgan - mit deutlich weniger Bakterien in Berührung kommt. Das hört sich im ersten Augenblick positiv an, ist aber eher negativ wenn es um die Entstehung von Autoimmunerkrankungen geht, zu der auch die Zöliakie gehört. Denn dann fehlt das "Training" durch eine Vielzahl von Bakterien und der Körper richtet sein Immunsystem eher gehen Stoffe, die er vorher als "harmlos" angesehen hat.

Beitrag von Ursula Stamm