Schürfwunde an einem Knie (Bild: Imago images/shotshop)
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Wenn Keime in Wunden gelangen - Sepsis: Gefahr Blutvergiftung

Eine Blutvergiftung wird hierzulande häufig verkannt. Vor allem Laien wissen oft nichts von den drei Warnsignalen dieser schweren Entzündung: Beschleunigte Atmung, extremes Krankheitsgefühl und Verwirrtheit bzw. Wesensveränderung. Infos im Überblick.

Mehr als 300.000 Menschen erkranken hierzulande jedes Jahr an einer Sepsis. Besonders häufig betroffen sind Menschen ab 60 Jahren und Babys, die jünger als ein Jahr sind. Jeder fünfte Betroffene verstirbt an der auch als Blutvergiftung bekannten Erkrankung. Damit ist die Sepsis nach Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Doch während die Anzahl der Krebserkrankungen stagniert oder sogar langsam sinkt, sind Anzahl und Schwere der Sepsis in den letzten Jahren gestiegen.

Drei von vier Sepsis-Überlebenden leiden an Langzeitfolgen. Mehr als 30 Prozent der Überlebenden werden Pflegefälle.

Experten gehen davon aus, dass bis zu 20.000 der Todesfälle vermieden werden könnten durch:
• frühzeitige Erkennung,
• durch Präventionsmaßnahmen (Impfungen und Prophylaxe von Infektionen wie Pneumokokken) sowie
• eine bessere Behandlung.

Wie entsteht eine Sepsis?

Vier von fünf Sepsis-Fällen entstehen außerhalb des Krankenhauses. Oft sind es Alltagssituationen, wie eine verdreckte Schürfwunde oder eine verschleppte Grippe, die bei Menschen unbehandelt eine Sepsis hervorrufen.
 
Auslöser sind in den meisten Fällen Bakterien, etwa bei einer Lungenentzündung oder einem Harnwegsinfekt oder nach Verletzungen. Aber auch Viren und Pilze können zur Sepsis führen. Letztlich kann nahezu jede Infektionskrankheit und fast jeder Krankheitserreger zur Sepsis führen.

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Fulminante Reaktion

Eine Sepsis beginnt mit einer lokal begrenzten Infektion. Das körpereigene Immunsystem versucht zunächst zu verhindern, dass sich die Erreger ausbreiten. Gelingt das beispielsweise bei immungeschwächten Menschen nicht, treten Keime und ihre Toxine in den Blutkreislauf über. Das Fatale: Bei einer Sepsis reagiert der Körper zuerst nur mit einer entzündlichen Reaktion; dann kann es zu einer überschießenden Immunreaktion kommen.
 
Durch Entzündungsbotenstoffe, die der Körper als Reaktion auf das Eindringen der Keime in die Blutbahn ausschüttet, entstehen Durchblutungsstörungen bis hin zu kleinen Miniinfarkten in den Organen. Der Blutdruck fällt ab, was die Durchblutung der Organe weiter beeinträchtigt.
Die Funktion lebenswichtiger Organe wie Leber, Nieren, Herz, Hirn und Lunge wird gestört.
In der Folge kommt es zu einem so genannten septischen Schock mit Multiorganversagen. Trotz intensivmedizinischer Behandlung liegt die Sterblichkeit dieser Komplikation bei etwa 60 Prozent.

Sepsis – wie erkennen?

Als untrügliches Zeichen für eine Blutvergiftung gilt ein "roter" Strich, der sich etwa am Arm in Richtung Herz ausbreitet. Dabei sind die Lymphgefäße streifenförmig entzündet - eine Vorstufe der Blutvergiftung. Sie heißt Lymphangitis.
 
Viel häufiger zeigt sich die Sepsis jedoch mit ganz allgemeinen Krankheitszeichen, die auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Dadurch wird die Sepsis oft zu lange übersehen. Und das kann im schlimmsten Fall zu einer tödlichen Gefahr werden, da sich eine Sepsis rasant entwickelt.
 
Folgende Symptome können Anzeichen für eine Sepsis sein:
• Fieber, Schüttelfrost,
• Verwirrtheit oder Desorientiertheit,
• Wesensveränderung ("ist anders als sonst", "völlig verändert"),
• schneller Puls, Herzrasen,
• Kurzatmigkeit, schnelle Atmung,
• beschleunigte Atmung (≥ 22 Atemzüge/Minute),
• feuchte Haut, Schwitzen und Schwäche,
• Schmerzen, starkes Unwohlsein,
• ein extremes Krankheitsgefühl, starke Schmerzen ("sterbenselend", "noch nie so krank gefühlt").
 
Ein entscheidender Hinweis auf eine Sepsis kann auch der Krankheitsverlauf an sich sein: Verschlechtert sich der Allgemeinzustand eines Patienten sehr schnell, sollten Ärztinnen und Ärzte immer an eine Sepsis denken. Nicht selten verläuft eine generalisierte Blutvergiftung jedoch anfangs ganz ohne Symptome oder nur mit unspezifischen Beschwerden, was die Diagnose häufig erschwert.

Diagnose der Sepsis

Der sogenannte SOFA (Sequential Organ Failure Assessment)-Score ist ein etablierter Stufenwert, mit dem Ärzte und Ärztinnen Patientinnen auf der Intensivstation schnell bezüglich einer Sepsis beurteilen. Er umfasst verschiedene Parameter zur Bewertung der Organfunktion.
 
Die abgekürzte Variante quick-SOFA bezieht nur drei Warn-Kriterien ein, die auf eine Sepsis hindeuten:
• erhöhte Atemfrequenz,
• ein Blutdruck unter 100 und
• Bewusstseinsveränderungen.
 
Bei einem Verdacht auf Blutvergiftung sollten schnellstmöglich Blutkulturen abgenommen und in einem Labor analysiert werden. Blutkulturen sind die wichtigste evidenzbasierte Testmethode in der Intensivmedizin. Diese Untersuchung sollte dabei, wie für jeden Notfall üblich, Tag und Nacht jederzeit durchführbar sein. Bislang ist das noch nicht an allen Kliniken möglich.

Sepsis – richtig behandeln

Um eine Sepsis erfolgreich zu behandeln, muss man so schnell wie möglich deren Ursache finden und die Erreger gezielt bekämpfen. Je früher Patienten die richtigen Antibiotika oder Medikamente gegen Viren oder Pilze bekommen, desto größer ist die Chance für sie zu überleben. Der wesentliche Schritt davor: Eine schnelle und exakte Diagnose der Erreger eben durch Blutkulturen, die eine gezielte Behandlung ermöglicht.
 
Möglicherweise muss der Infektionsherd operativ beseitigt werden. Die Patientinnen bekommen Infusionen zur Flüssigkeitszufuhr, die eventuell auch Nährstoffe enthalten, wenn die Patienten selbst nicht zur Nahrungsaufnahme fähig sind. Es kommen Medikamente zum Einsatz, die den Gefäß- und Blutdruck regulieren. Funktionieren die Organe nicht mehr, können Lunge, Herz und Nieren durch Ersatzverfahren unterstützt werden.
 
Studien haben gezeigt, dass Medikamente, welche die Blutgerinnung beeinflussen oder Entzündungen hemmen sowie Präparate, welche die Abwehrreaktion des Körpers und die Organfunktionen unterstützen, die Überlebensrate verbessern.

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